Thema: Sprung
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Barnabi
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- 30.01.2005
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Sprung
Sprung
Eben bist Du gegangen. Ich fühle mich wie betäubt, das Entsetzen in mir ist so stark, das Du es mir gar nicht ansehen konntest. Ein schlechter Traum, der wahr wurde. Ich sehe noch Dein trauriges Gesicht vor mir, Augen, die mir sagen, daß Du mich nicht verletzen wolltest, Deine Lippen, die Deine Worte nur widerwillig aussprechen konnten. Ich fühle noch, wie Deine warme Hand zärtlich über meinen Nacken streicht, meine Hand festhält, spüre Deine Lippen noch auf meinen, ein letztes Mal.
Ich bin scheinbar erstaunlich gefaßt, fühl’ ich mich doch der Erlösung nah, bin mir bewußt, was mein Handeln sein wird.
Langsam ziehe ich meine Jacke an, in meinem Kopf eingesperrt nur Deine und meine Liebe, hilflos, verloren.
Ich gehe durch den Flur zur Hintertür, durch diesen Flur, durch den ich als Kind hundertausend Mal so fröhlich gerannt bin, durch den mich nun mein letzter trauriger Weg führen wird.
Die Hintertür. Wie oft hab’ ich mich dort rausgeschlichen um mit Dir heimlich spazieren zu gehen, um Dich zu treffen, Dich, die Du mein Leben bist.
Ein nächstes Mal wird es nicht geben, kein nächstes Dich, kein nächstes Leben.
Meine enttäuschte Liebe (es ist ja noch bitterer, es wäre nicht recht von enttäuschter Liebe zu reden, denn Du hast mich ja lieb bis zu meinem Lebensende ...) hämmert mir im Kopf, raubt mir die Sinne, so wie es einst die Liebe tat, die ich Dich fühlen lassen durfte, die Du mich hast fühlen lassen.
Ich schließe die Tür leise, das kann ich, das habe ich tausende von Malen gemacht.
Das Sofa erinnert mich an einst, an die laue Sommernacht, wo wir beide dort gesessen haben und Du mir diese wunderbaren Worte ins Ohr geflüstert hast, vor denen ich damals Angst hatte. Jetzt kann ich sie verstehen ... doch jetzt ist es zu spät! Für immer verloren, aber immer ist nicht mehr lange ...
Am Friedhof vorbei. Ich wünschte, ich würde Deine liebliche Gestalt sehen, wie sie mir zuwinkt, mich anlächelt, Dein vom Winde zerzaustes Haar, deine blitzenden Augen, die mich anstrahlen wie tausend Sonnen.
Doch ich sehe nur einen grauen, verregneten Ort des Todes, welcher ewiges Leben verspricht. Bald werde ich es wissen.
Mein Herz, das eben noch diese unsagbar unendliche Liebe für Dich in sich trug, enthält nur noch Angst und Schmerzen, doch bald ist es frei.
Durch den Wald. Ich stehe vor unserem Baum, ein, zwei, drei Tränen drängen sich aus meinen Augenhöhlen, wenn ich mich an diese wundervollen Momente erinnere, die ich erleben durfte, die Du mir geschenkt hast, eine Welle der Zerstörung durchläuft meinen Körper, scheint meinen Hals zuzudrücken, mein Kopf zu zerquetschen. Nie wieder.
Ich schleppe mich über unseren Weg, sehen mich nach der Erlösung, der Freiheit.
Auf der Bank da haben wir noch neulich gesessen, und Du hast zu mir gesagt, Du wärst jetzt gerne 17 und zum ersten Mal verliebt, hast meine Hand gehalten, mich Deine Liebe fühlen lassen.
Ich sehe sie und fühle mich wie 100, viel zu alt für diese Welt.
Ich gehe weiter hinunter, so wie wir einst, doch ich bin allein, für immer ganz allein.
Ein summe ein Lied, ein Lied, das ich Dir schon mal vorgespielt habe, ‘Wanderlove’:
Wanderlove
Come my love, and we shall wander
all of life to see and know.
In the seasons lost we’re drempling.
All things come and all things go.
We’ll climb up the snowy mountains,
sail across the rolling sea.
We shall live for one another,
I for you and you for me.
We’ll go down to green, grass meadows,
where the cold winds never blow.
If we taste the wine of loving,
only you and I shall know.
Come my love, and we shall wander,
just to see what we’ll find.
If we only find each other,
still the journey’s worth the time,
still the journey’s worth the time.
Tränen laufen mir wie wild durch das Gesicht, erfüllt von Trauer, die mir nur eine nehmen kann, doch sie wird es niemals mehr tun können. Bald werde ich für immer bei Dir sein, meine kleine Prinzessin, meine Rose.
Kraftlos, nicht mehr gegen die Tränen ankämpfend begegne ich jemandem, doch das ist mir egal, ich kann sowieso nichts mehr erkennen, mein Blick durch die Tränen getrübt.
Ich hetze an ihm vorbei auf dem Weg zum Ende, meine Gedanken nur bei Dir, mein ein und alles, die Frau meines Lebens, meine Luft, mein Wasser, mein Licht.
Auf den Bahngleisen angekommen. Ich lasse noch ein letztes Mal all die schönen Worte in meinen Ohren erklingen, die Du mir gesagt hast, ein letztes Mal lasse ich mein Herz sich mit Liebe füllen, ich spüre, daß Du an mich denkst, mich liebst, doch wir fanden nicht zueinander, war der Abgrund zwischen uns doch viel zu tief und breit.
Recklinghausen. Dieser Gedanke hämmert durch mein Gehirn, ich werde geschüttelt durch meine ungeheure Wut auf mich selbst, ein Stich in meinem Herz, eine für immer versäumte Gelegenheit.
Die Zweige der wuchernden Sträucher und Büsche auf dem alten Gleis peitschen mir ins Gesicht, ich fühle mich unrettbar verloren in der Einsamkeit, gestraft, gedemütigt, enttäuscht.
Immer wieder dieser Schmerz in meinem Herz, immer Dein Gesicht vor Augen, Deine Stimme, die mir sagt, daß Du mich liebst, nie mehr werde ich es hören können. Ich kämpfe mich durch dieses Dickicht hier, denke immer nur an Dich, das wunderbarste meines Lebens, das ich doch auf dieser Welt nie erreichen kann.
Stolpern, hinfallen. Ich schlage auf diese groben Steine auf, Platzwunde im Gesicht, mein rechtes Knie tut mir weh, „Nicht mehr lange!“ denke ich, hetze weiter, das Ende schneller zu erreichen. Blut läuft mir ins Auge, ich wische es grob mit dem Jackenärmel ab, jetzt ist alles egal, alles verloren.
Ich quäle mich über die Absperrung auf der alten Eisenbahnbrücke.
Viadukt. Ich lehne mich auf das Geländer, in der Dämmerung kann ich nicht viel erkenne, meine Augen brennen, alles tut mir weh, ich wünschte mir, Du wärst bei mir, würdest mich vor diesem Schritt bewahren, doch Du bist nicht da, keiner ist da, keiner.
Ich sehne mich so nach Dir, Du fehlst mir, doch bald bin ich für immer bei Dir, werde Dich bis zum Ende Deines Lebens lieben und noch länger.
Ich klettere auf das Geländer, hocke jetzt mit beiden Beinen obendrauf, halte mich mit beiden Händen fest. Der Wind weht hier oben ganz schön heftig, läßt mich in dieser Lage hin und her wackeln, doch noch halte ich mich.
Ich balanciere, stelle mich aufrecht, schließe die Augen. Wie benebelt, ein Lächeln auf den Lippen, bereit für diesen Schritt breite ich die Arme aus, spüre die Erlösung nahen. Dein Gesicht vor meinem inneren Auge, Deine Stimme, die mir sagt, das Du mich für immer lieb haben wirst, ein zwinkern Deiner Augen, ein liebliches Lächeln.
Ich liebe Dich, ich liebe Dich M., bald bin ich für immer bei Dir.
Ich fühle, wie ich nach vorne kippe, spüre, wie ich leichter werde ...
Sprung
... ich fliege, ich bin frei, schwerelos, erlöst. Unendlich langsam scheint alles zu passieren, habe Zeit für unendlich viele Gedanken, wie ein Film, der abzulaufen scheint, doch immer vor allem anderen Du.
Höre Deine liebliche Stimme mir Worte ins Ohr flüstern, spüre Deine Atem auf meiner Haut, Deine Lippen auf den meinen, fühle Deine und meine Liebe in meinem Herzen. Ich spüre wie mein Mund sich öffnet, Deinen Namen ruft, ganz weit weg.
Ich weiß, daß ich niemals sterbe, wenn Du mich in Deinem Herzen weiterleben läßt, dann werde ich für immer bei Dir sein.
Ich sehe, wie Dir bei meiner Beerdigung eine Träne über die Wange rollt, sehe die Rose, die Du für mich hinlegst, für Deine Rose.
Wie der kleine Prinz werde ich, um zu Dir, meine Rose, zurückzufinden, mein irdisches Leben aufgeben müssen.
Ich öffne die Augen, sehe den Himmel über mir, spüre den stärker werdenden Wind, den Boden näherkommen, betäubt von den Gedanken, fühle wie die Befreiung vom Schmerze näherrückt, das Ende.
Ich hoffe, Du kannst mich noch spüren, sehen kannst Du mich nie mehr ...
(c) Nicolas Bourbaki
....
Eine (beinahe wahre) Geschichte. Ist weniger Poesie, eher Prosa. Toll, dass Du es bis hier hin geschafft hat.
Gruss,
Bourbaki
PS: Der Text von "Wanderlove" ist nicht von mir sondern von Abi und Esther Ofarim
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becci89
- Mitglied seit
- 22.01.2005
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das ist total schön!!!
Liebe Grüße, Lexi


