So liest man es immer wieder am Ende von Liebesromanen: Er beugt sich zärtlich runter zu seiner Auserwählten und haucht ihr leise "ewige Liebe" ins Ohr. So enden sie: Trivialität pur. Happy-End garantiert. Da braucht man keine Taschentücher, keine quälenden Fragen, warum es denn diesmal mit der großen Liebe nich geklappt hat. Tragische Liebe isn Fremdwort. Es ist einfach immer heile Welt am Schluss. Schmarrn! Trotzdem millionenfache Leserschaft. Tendenz steigend. Ob Groschenroman, Taschenbuch oder Hardcover, ob Heimatroman, Arztroman oder Fürstenroman - die Auflagenzahlen von Bergdoktor, Julia und Co boomen. Und das trotz Flaute im Buchhandel. Die Leute sind echt bescheuert!

Wie McDonalds oder Lindenstrasse, genau so isses mit den trivialen Liebesromanen. Die immer gut ausgehen. Trivial eben. Trivial - das heißt wörtlich aber nicht nur "gewöhnlich oder banal" sondern auch "allen bekannt" und was für Doofe. In diesem Fall also Millionen treu-doofer Leser oder eher Leserinnen, denn Frauen sind es meistens, die sowas konsumieren. Sie tauchen lustvoll ab in die Schicksale der Protagonisten, tanzen auf glanzvollen Bällen, verlieben sich auf der Alm, leiden mit der jungen Mutter, sorgen sich mit dem fürsorglichen Arzt und lesen sich Seite für Seite dem erlösenden Happy End entgegen. Was suchen die Dumpfbacken in solchem Mist? Die eigenen Träume, Wünsche, Sorgen und Probleme, vor allem aber die Suche nach Glück und der ewigen Liebe, die hier endlich auch mal einen glücklichen Ausgang findet. Eine Welt, in der das Gute siegt, in der scheinbar unlösbare Konflikte gelöst werden und am Ende die Liebe siegt. Die Liebe - das größte aller menschlichen Gefühle, die größte aller Sehnsüchte in garantierter Hochform. Dann, wenn sie ihm nach allen Irrungen und Wirrungen leicht wie eine Feder glückselig in die Arme fällt. Ach, ja…. Aber mit der Wirklichkeit hat das nix am Hut.


Dr. Stefan Frank, die Falkenbergs und die Vroni von der Goldberg. Sie alle verbindet eins: die Liebe. Ob bei einer komplizierten Operation, im Ballsaal oder auf der Alm, sie alle leiden, kämpfen und stehen ein für die Liebe, die einzig Wahre, Ewige natürlich. Klingt genauso wie das was die Frauen hier immer von der Liebe schreiben.

Titel wie "Liebessommer auf der Alm. Kann die schöne Sennerin ihr Glück für immer festhalten?" oder "Komm mit mir ins Land der Liebe. Aletta und ihr schüchterner Prinz" bringen die Frauenherzen in Wallung. Einige der Groschenromanhelden haben es auch zu Fernsehruhm gebracht, so Dr. Frank, der Arzt, der die Frauen versteht oder die Adelsfamilie "Die Falkenbergs".

Alpenglühn, Schlosspark oder OP-Saal, die "Kulisse" der Liebesromane im Heftformat spielt eine zentrale Rolle, sie bietet den idealen Ort für Projektionen der liebeshungrigen Leser. Die bescheuerten Heimatromane sind zur Zeit der absolute Renner. Spielen irgendwie immer nur in den Bergen, nie zwischen Abwaschresten und Wäschebergen in der Dreizimmerwohnung. Die idyllische Welt der Berge ist eine ideale Kulisse für Herz, Schmerz auf der Alm. Die Bergkulisse transportiert eine bodenständige, natürliche und wertbeständige Welt, nach dem Motto "Hier in den Bergen ist die Welt noch in Ordnung". Die Menschen sind bodenständige, ehrliche, gestandene, natürliche, frische "Madeln und Buam", die die Tücken und Probleme der Liebe meistern. Der liebenswerte Dr. Martin Burger aus dem Zillertal, alias "Der Bergdoktor" ist der Dauerbrenner bei Bastei. Er erscheint seit 1980 und hat eine Auflage von rund 1 Mio. Auch Bergpfarrer Sebastian Trenker, der gute Hirte von St. Johann bei Kelter, erreicht diese Auflagenhöhe.

Ebenfalls nach wie vor beliebt: die Fürstenromane. Die Geschichten von Prinzen, Fürsten und Co entführen ihre Leser in eine schillernde, glitzernde Welt voller Prunk, Glanz und Gloria, die den meisten Menschen verschlossen bleibt. Einmal hinter noble Schlossmauern schauen, sich selbst als Prinzessin fühlen, das fasziniert. Romantische Schauplätze, wie Schlösser, Burgen und Landsitze verleihen den Liebesgeschichten ihren ganz besonderen Flair. Da dreht sich das junge Paar zum Kaiserwalzer unter dem glitzernden Kronleuchter, da reitet der Schlossbesitzer auf einem stolzen Ross zur Jagd. Da ist es zutiefst beruhigend, dass das Leben des Hochadels eben auch von Sorgen und Nöten gezeichnet ist, wie das eigene. Eifersucht, Intrigen und auch Geldsorgen - alles das macht eben nicht vor erlauchter Tür halt. In den neueren Fürstenromanen geht es aber auch deutlich handfester zu, wie z.B. bei den Falkenbergs, wo es auch darum geht, das Schloss zu erhalten und daraus einen funktionierenden Wirtschaftsbetrieb zu machen, oder sich in punkto Umwelt zu engagieren. Aber das natürlich ganz fürstlich. Und die, die das lesen sind dann auch Fürsten oder was?

Und da wäre dann noch der gute alte Arztroman. Nicht aus dem Genre wegzudenken. Komplizierte Operationen im Wettlauf mit der Zeit, Rettungsaktionen auf Leben und Tod, dramatische Schicksale um Liebe und Leid. Dr. Norden und Co stehen unermüdlich mit Rat und Tat zur Seite. Sie sind das sympathische Alter Ego des in der Realität oft so unnahbaren und kalten Gottes in Weiß. Natürlich sollten sie Chefarzt sein und der perfekte, liebevolle Familienvater. Aber es gibt sie inzwischen auch: Die Ärztinnen im Olymp. Schließlich hat es auch Schwester Stefanie, die aus der Serie, inzwischen zur Ärztin gebracht. Arztromane vermitteln Hoffnung, Linderung und praktische Lebenshilfe. Liebe ist immer noch die beste Medizin. Garantiert rezeptfrei.

Einige Liebesroman-Reihen im Taschenformat zielen speziell auf ein jüngeres Publikum. Entsprechend sind die Geschichten, Coverbilder und das Layout deutlich "moderner". Da gibt es neben den klassischen Genres (Adel, Arzt, historische Romane, Regency) Liebesgeschichten mit einem Schuss Krimi (Love and Crime), Power (starke Frauen zwischen Liebe und Karriere), Mystik (übersinnliche Liebe) und auch Sex (das heißt dann Wild Romance, Wenn aus Leidenschaft Liebe wird). Sex- das ist im Heftroman absolut tabu. Keine direkten Beschreibungen von sexuellen Aktivitäten. Die literarische Kamera schwenkt da taktvoll ab, wenn er sie liebevoll zu sich heranzieht, um dann die Wonnen des Glücks zu kosten. Auch wenn es im modernen Liebesroman im Taschenformat etwas direkter zugehen darf, am Ende der Leidenschaft steht auch hier die einzige wahre Liebe und - natürlich auch das Happy End. Garantiert. Wie der Umsatz, für den die verblödete Leserschaft sorgt.

Dann gibts auch noch die Nackenbeißer und Vampir-Lover. Diese Gattung kommt aus Amerika, und hat ihren Namen vom typischen Cover dieser Bücher: schöne, verführerische Frau reckt schönem, starkem Mann ihre wohlgeformte und entblößte Schulter entgegen, den Kopf weit nach hinten gebeugt. Grelle Farben inklusive. Wachsender Beliebtheit erfreuen sich Liebesromane, die an ungewöhnlichen Orten, mit ungewöhnlichen Wesen spielen. Da wimmelt es dann von männlichen Nixen, Vampiren oder anderen Wesen.

Etwas hat sich geändert. Früher gabs nur die klassischen Herz-Schmerz-Geschichten mit schönen aber schwachen, sanften, selbstverständlich jungfräulichen, treuen Frauen und starken, beherzten, mutigen und klugen Männern sind nicht nur der Renner. Verlobt wird sich nach dem ersten Kuss. Seitensprünge sind tabu und die Frauen finden an der Seite des starken Mannes ihre alleinige Erfüllung. Und heute? Auch wenn die Protagonistinnen noch immer wahrlich keine Feministinnen sind, so sind es doch auch emanzipierte, meist berufstätige Frauen, die am Ende den Mann fürs Leben finden. Sie sind Buchhändlerinnen, Unternehmerinnen und auch schon einmal die Managerin des Jahres. Da tauchen alleinerziehende Mütter auf oder Patchworkfamilien. Und weibliche Eigeninitiative ist angesagt. Die Heldin wartet nicht mehr passiv auf die Liebe ihres Lebens, sie nimmt ihr Liebesglück beherzt in ihre - immer noch zarten - Hände. Man sollte es mit der Emanzipation nicht gleich übertreiben. Und allzu viele Männer sollte sie immer noch nicht gehabt haben, bevor sie in die Arme des Einen sinkt.

Aber: Auch der Macho ist heute nicht mehr gefragt. Frauen bevorzugen den sensiblen, aufgeschlossenen, zärtlichen Mann, der dennoch nichts von seiner Männlichkeit eingebüßt hat. An die Stelle der Großgrundbesitzer sind die Unternehmer getreten, sie besitzen Hotels oder große Firmen. Unternehmergeist statt Muskelmasse. Und ganz im Trend des neuen Mannes darf dann auch der smarte Koch dabei sein, der seine Angebetete mit kulinarischen Genüssen verführt, während Sie den nächsten Geschäftsbrief diktiert. Kurz, der emanzipierte Mann, der den Spagat von Softi und Macho elegant verinnerlicht hat. Ah, ja. So sieht sie also aus, die heile Welt "modern". Und ohne Happy End geht auch heute in punkto Liebesroman rein gar nichts. Das wäre ja noch schöner. Gutes bleibt. Auch die Settings haben sich im Laufe der Zeit wenig verändert: Immer noch sind es vor allem Heimat/Bergwelt, Arzt und Adel/Society. Etwas mehr Realität vielleicht, ja gerne. Aber bitte nur in geringen Dosen. Denn: Kerzenlicht, Rosenduft und ein zärtlicher Kuss unter Palmen sind einfach romantischer als rumfliegende Socken, Schweißgeruch und müde Helden auf der Couch…

Und am Ende das Happy End. Sympathisch und adrett müssen sie sein, der Landarzt oder der Graf, die Krankenschwester oder die Prinzessin. Und natürlich von der guten Sorte. Denn das Gute siegt immer am Schluss. Soviel Heilserfüllung muss sein. Und dann? Entweder gibt es die klassische O-Bein Dramaturgie: Zwei kennen sich/sind zusammen, zwei trennen sich, zwei finden wieder für immer zusammen) oder aber die Variante, der anfänglichen Ablehnung eines der beiden. Am Ende der Irrungen und Wirrungen gibt es dann - ach ja, das hatten wir ja schon - das Happy End. So einfach ist das.

Und wozu der ganze Scheiss? Das Happy End ist gut für die Seele. Liebesromane sorgen für Entspannung und Ausgleich zum Alltag. Sie stillen das Bedürfnis nach heiler Welt, die Sehnsucht nach der einzigen, ewigen Liebe. Das Erfolgsrezept dabei ist das Happy-End. Da können die Protagonisten noch so viele Hindernisse überwinden, Probleme lösen, Gefühlsschwankungen durchleben - am Ende wird sich das Paar finden. Also kann der Leser ganz entspannt dem Verlauf folgen, er weiß, am Ende wird alles gut. Balsam für die Seele eben. Die heile, geordnete Romanwelt bildet einen wohltuenden Gegenpol zu Unruhe, Orientierungslosigkeit des Alltags. In Zeiten rapider sozialer Veränderungen mit wachsender Arbeitslosigkeit, Rentendiskussion, Scheidungsraten, einer Welt, in der die Dinge immer komplexer und undurchschaubarer werden, wünscht man sich eben eine Reduktion der erlebten und belastenden Komplexität des Alltags. Man sehnt sich nach klaren, einfachen Verhältnissen und Strukturen. Nach einem Schema, das am Ende keine bösen Überraschungen bereithält. Noch mal das Stichwort Happy End. Das vermittelt: Schaut her, es klappt doch. Es vermittelt Optimismus und Hoffnung, vielleicht klappt es bei mir ja auch…demnächst mit dem Nachbarn. Der Psychologe Thomas Zimmermann betont in diesem Zusammenhang die Funktion von Liebesromanen als "Stimmungsmanagement" - die Formel ist einfach: Beschäftigung mit positiven Dingen führt zu einem positiven psychischen Befinden. Warum also nicht mal die rosarote Brille des Liebesromans aufsetzen? Wenn's glücklich macht…


Nochwas: Liebesromane sind reine Frauensache. Fast. Denn 98 Prozent der Leser von Liebesromanen sind Frauen. Je nach Genre sprechen sie unterschiedliche Altersklassen an. Während die Heimat- und Adelsromane vorwiegend ab 40 aufwärts gelesen werden, sprechen Arztromane auch jüngere Frauen an (vor allem bei jungen Müttern ist diese Sparte sehr beliebt). Die 20-50-Jährigen machen einen Anteil von 30 Prozent, die 51-65-Jährigen rund 38 Prozent und die Altersgruppe ab 65 Jahren 29 Prozent der Leserschaft aus. Die Leserschaft von Cora und Panini ist im Durchschnitt jünger als die der Heftromane. Fast jede dritte Cora-Leserin ist unter 30. 40 % der Leserinnen sind zwischen 31 und 59 Jahren, 67 % leben in einem Haushalt mit zwei bis vier Personen, 53 % sind verheiratet.


So viele bescheuerte Menschen auf einem Haufen. Wer gehört hier in diesem Forum dazu?